© 2014 Holger Albers

Mai 2014 - Kurze Sätze

Wir haben alle schon Texte in der Hand gehabt, deren Sätze uns als eine Zumutung vorkamen. Unabhängig von den jeweils gewählten Worten spielt die Länge eines Satzes für die Verständlichkeit eine besondere Rolle. Die Faustregel lautet: Je kürzer der Satz, desto besser wird er verstanden.  


Inhaltlich muss man ihn sich ja nicht zueigen machen, aber formal ist er ganz weit vorne - der Schreibstil in der 'Bild'. Mit drei oder vier Worten kommen die Redakteure bei rund der Hälfte aller Sätze aus. Das lässt keinen Platz für ausschweifende Erklärungen und besonders schöne (und manchmal auch gestelzt wirkende) Formulierungen. Aber es wird von den Lesern verstanden.


Gerade in akademischen, intellektuellen Kreisen hält sich bis heute die Mär, dass nur ein langer es wert sei, wahrgenommen zu werden. Kurzer Satz, kurzer Gedanke, so lautet das Credo. Dabei handelt es sich bei Lichte betrachtet nur um eine Anmaßung gegenüber dem Leser. Die Wissenden wollen vor Augen führen, dass sie es besser können, als der 'gemeine Leser'.


Keine neue Erkenntnis, denn schon Mark Twain hielt Schreibern der deutschen Sprache diesen Spiegel vor. Er bereist Europa und widmete in seinem Reisebericht aus dem Jahr 1880 der 'schrecklichen deutschen Sprache' einen eigenen Absatz*. Ein besonderes Augenmerk legte er auf Schachtelsätze, die er über mehrere Seiten anprangert. Ob sein Tom Sawyer ein solcher Welterfolg geworden wäre, wenn er selbst ihn in Bandwurmsätzen geschrieben hätte, darf getrost bezweifelt werden. Überlegen Sie also, ob der Nebensatz, den Sie gerade schreiben wollen, nicht vielleicht doch ein eigenständiger Hauptsatz werden könnte.  


* Mark Twain: 'The Awful German Language', Appendix D zu 'A Tramp Abroad', Hartford 1880


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